Einst Drechslerei und „Spezereihandlung“ – heute Spiel- und Schreibwaren-Fachgeschäft

So wechselvoll und von vielen Umbrüchen geprägt ist selten eine Unternehmensgeschichte. Mit immer neuer Tatkraft, mit Ideen und immensem Mut zu Veränderungen ist es drei Generationen der Familie Keller gelungen, ein seit hundert Jahren agierendes Unternehmen zu erhalten – und mit ihm Arbeitsplätze und ein bereicherndes Angebot für die Gemeinde Ehningen. Es war schon ein langer Weg mit vielen Kurven und Stolpersteinen von der einstigen Drechslerei bis hin zum heutigen, modernen Spielwaren Fachgeschäft, das dank seiner großen Auswahl kleine und große Kunden auch aus vielen umliegenden Gemeinden anzieht.

Ehninger Familienunternehmen im Wandel der Generationen

Alles begann im Jahre 1910, als der gerade einmal 27 Jahre alte Drechsler Friedrich Christian Keller seine erste Werkstatt in der Hildrizhausener Straße mietete. Seine selbst produzierten Drechselteile für Möbel, Treppen und vieles mehr lieferte er an die umliegenden Schreinereien. Die Arbeiten waren gefragt, so dass der Firmengründer bereits zwei Jahre darauf eine kleine Wohnung mit Laden pachtete – in der Königstraße 39. Abermals zwei Jahre gingen bis zu seiner Heirat mit Karoline Bolay ins Land, bevor schwere Einschnitte das junge Familienglück belasteten. Im Ersten Weltkrieg verlor der Jungunternehmer und frischgebackene Ehemann den rechten Fuß. Zurück in der Heimat, übernahm er dennoch zusätzlich zum Tagesgeschäft das Amt des Fleischbeschauers, um die wachsende Familie durchzubringen. 1917 und 1919 kamen die beiden Söhne Alfred Friedrich und Erich zur Welt. 

Das erste eigene Gebäude kaufte Friedrich Christian Keller 1923. Dieses Haus in der Königstraße 54 (damals Hausnummer 23) ist bis heute Wohn- und Geschäftshaus. In den Zwanzigern führte Karoline Keller die „Spezereihandlung“ für Zigarren und Tabake, aber auch Drechslerwaren, Pfeifen, Stöcke und Schirme. Bald schon wurde das Sortiment um die Sparte Lebensmittel erweitert: Salz, Zucker, Kaffee, Malzkaffee sowie  Zichorie-Kaffeeersatz, Linsen, Reis, Essig, Öl und auch Petroleum gab´s offen und unverpackt. Alles, was man halt so brauchte im dörflichen Ehningen zu einer Zeit, in der man wenig mobil war und im Ort einkaufte, führte die „Christian Keller Handlung“ – selbst Strohhüte, Rechen, Garben, Sensen, Sicheln, Garbenstricke und sämtliche Saaten von Gras-, Klee- bis hin zu Rübensamen.

Im eigenen Haus fanden auch die erstmals elektrisch ausgerüstete Drechselwerkstatt Raum sowie ein Büro, das zugleich Sitz der von Christian Keller ab 1924 geführten Krankenkasse wurde. Hier zahlten die Ehninger ihr Krankengeld ein und holten Krankenscheine ab. Auch das Amt des „Ortssparpflegers“ für die Kreissparkasse übernahm der rührige Firmenchef 1928, bevor er ab 1929 mit Kohlen- und Holzhandel nochmals eine weitere Sparte gründete. Sohn Alfred Friedrich Keller schloss 1935 seine Schreinerlehre ab und wurde 1938 zur Wehrmacht eingezogen. Das bedeutete erneut eine lange Durststrecke für die Firma, denn er kehrte erst 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Wirtschaftswunder-Zeit und Heizöl-Handel

Die Nachkriegsjahre brachten Aufschwung – und wiederum Wandel. 1952 heiratete Sohn Alfred Friedrich und übernahm gemeinsam mit Ehefrau Lydia Keller das „Lädle“. Tochter Gerlinde erblickte 1953 das Licht der Welt, 1961 Sohn Alfred Christian. Das Ladengeschäft  wurde in den Fünzigern umgebaut, vergrößert und der mit dem allerersten Ölofen zog eine sensationelle Innovation in Ehningen ein. Das war zugleich der Start des zunächst sehr skeptisch beäugten Heizölhandels, der mit Kanistern und 200-Liter-Leihfässern bewältigt wurde. Auch wenn viele Ehninger diesen neuen Geschäftszweig zunächst belächelten, Alfred Keller hatte aufs richtige Pferd gesetzt. Das erste Firmenfahrzeug, ein gebraucht erstandenes „Tempo“-Dreirad, wurde schon bald von einem Hanomag-LKW abgelöst. Wegen des enormen Brennstoffhandel-Zuwachses mietete man nun den großen Lagerplatz in der Bahnhofstraße (heute Bereich Edeka-Parkplatz) an. Dessen Bahnanbindung war wichtige Voraussetzung, denn Kohlen und Heizöl wurden in dieser Zeit fast ausschließlich per Bahn angeliefert. Das Areal diente auch zum Lagern und Trocknen von Brennholz, das sowohl als Meterholz, wie auch gesägt oder klein gespalten verkauft wurde.

Zurück zum parallel geführten Ladengeschäft: Auf 200 Quadratmeter wuchs die Verkaufsfläche 1964 dank Zukauf des Nachbargrundstücks und –Gebäudes, von 1978 an standen sogar 400 Quadratmeter Ladenfläche zur Verfügung. Das Lebensmittelgeschäft leitete Lydia Keller mit drei Mitarbeiterinnen, die Abteilung Geschenk-, Haushalts- und Spielwaren war Steckenpferd von Tochter Gerlinde, bevor im Laufe der  achtziger Jahre einmal mehr  düstere Wolken am Geschäftshimmel auf zogen.

Schwierige Achtziger und Neubeginn

Mit der Ansiedlung großer Supermärkte auf der grünen Wiese begann das Ladensterben der klassischen, kleinen Geschäfte. „1988 erforderte die brisante Marktsituation entweder die Aufgabe unseres Ladengeschäfts oder mal wieder, wie schon in der Vergangenheit, eine Umstrukturierung des Betriebes“, erinnert sich Alfred Christian Keller, Geschäftsführer des heutigen Betriebes in dritter Generation. Aufgabe? Nein, kam nicht in Frage! Also Umstrukturierung. Das war die Geburtsstunde von „Spielwaren Keller“, des reinen Spiel- und Schreibwaren-Fachgeschäfts. Gemeinsam widmeten sich Alfred jun. und Anita Keller, die 1988 kurz vor dem Umbau geheiratet hatten, sich dieser neuen Herausforderung in den neu gestalteten Geschäftsräumen, wo sie seither ein großes, stets aktuelles  Angebot von Markenspielwaren aller namhaften Hersteller bereit halten. In der „Spielwaren- Ära“  wuchsen Sohn Philipp, geboren 1990, sowie die Zwillinge Julia und Diana (1992) auf.

Das Aus für den Brennstoffhandel

Letztlich war es die Privatisierung der Bahn, die 1994 zur Kündigung des angemieteten Brennstoff-Lagerplatzes führt. Eine Hiobsbotschaft mit schwerwiegenden Folgen, damit war das bis dahin immer noch erste Standbein der Firma Keller mit einem Schlag plötzlich Vergangenheit. Für Alfred Keller Senior, der bis zu diesem Zeitpunkt mit Ehrgeiz seine Sparte betrieb, bedeutete das den Quasi-Ruhestand. Er agierte fortan im Hintergrund, kümmerte sich um Büro und Buchhaltung des Spielzeuggeschäfts, fungierte weiterhin als Brennstoff-Auftragsvermittler für die Firma Scharr – diese Funktion erfüllt die Firma Keller bis heute. Aus demselben Holz geschnitzt wie ihr 2007 verstorbener Ehemann ist die Seniorchefin: Lydia Keller, heute 82 Jahre alt, ist die gute Seele im Geschäft. „Wer uns besucht, sieht sie bestimmt mal hie und da durch den Laden huschen“, freuen sich Alfred und Anita Keller.